Wenn man in der Steiermark den Namen Herbert Seidl hört, denken die meisten sofort an Autos. Woran denkst du, wenn du morgens ins Unternehmen kommst?
Ich gehe jeden Tag mit einem klaren Plan ins Büro. Ich überlege mir schon am Morgen, welche Themen anstehen und versuche, den Tag möglichst strukturiert anzugehen. Das gelingt natürlich nicht immer, weil ständig neue Dinge dazukommen. Deshalb wird der Arbeitstag meistens länger als geplant. Aber das gehört zum Unternehmerleben einfach dazu.
Erinnerst du dich noch an das erste Auto, das du verkauft hast?
Ja, sehr gut sogar. Ich war damals selbst erst 18 Jahre alt und habe einen marsroten VW Golf verkauft. Das vergisst man nicht.
War für dich schon früh klar, dass du Unternehmer werden möchtest?
Eigentlich schon. Meine Eltern waren selbstständig und ich bin mit dieser Mentalität aufgewachsen. Natürlich gab es Phasen, in denen ich mir auch vorgestellt habe, Angestellter zu sein. Aber tief in mir wusste ich immer: Ich möchte gestalten und Verantwortung übernehmen. Ich war nie jemand für die zweite Reihe.
Heute zählt dein Unternehmen zu den größten Gebrauchtwagenhändlern Österreichs. Gab es einen Moment, an dem dir bewusst wurde: Jetzt ist daraus ein richtig großes Unternehmen geworden?
Ja, das war ungefähr ab 2016. Zwischen 2016 und 2020 haben wir unseren Umsatz innerhalb von vier Jahren verfünffacht. Während man mitten in dieser Entwicklung steckt, nimmt man das gar nicht so bewusst wahr, weil man einfach im täglichen Flow arbeitet. Erst im Rückblick wurde mir klar, welche Dimension das angenommen hat. Besonders beeindruckend war für mich die Erkenntnis, dass wir innerhalb von zehn Jahren rund 20.000 Autos verkauft haben. Wenn man diese Zahl einmal ausspricht, wird einem erst bewusst, was da entstanden ist.
War der Weg dorthin immer geradlinig?
Überhaupt nicht. Viele sehen heute nur den Erfolg. Aber der Weg dorthin war alles andere als eine Autobahn. Es gab Rückschläge, schwierige Phasen und Situationen, in denen man sich gefragt hat, wie es weitergeht.
Welche Phase war unternehmerisch die schwierigste?
Viele hätten vermutlich den ersten Lockdown genannt. Interessanterweise war das bei uns gar nicht so dramatisch, weil wir danach sogar unser bestes Geschäft gemacht haben.
Die wirklich schwierigste Zeit war die Chipkrise. Plötzlich waren kaum noch Fahrzeuge verfügbar. Und wenn man keine Autos einkaufen kann, hilft einem die beste Infrastruktur und das beste Team nichts.
Innerhalb eines Jahres haben wir rund 40 Prozent Umsatz verloren – einfach, weil keine Fahrzeuge verfügbar waren. Das hat mir gezeigt, wie fragil ein Unternehmen trotz guter Entwicklung sein kann.
Hat dich diese Erfahrung verändert?
Definitiv. Seit damals denke ich bei jeder Expansion automatisch einen Schritt weiter. Natürlich möchte ich wachsen. Aber ich weiß auch, dass Größe alleine nichts bringt, wenn plötzlich die Grundlage des Geschäfts wegfällt.
Du führst mittlerweile mehrere Standorte. Wie schwierig ist es, trotzdem deine persönliche Handschrift zu bewahren?
Früher war das einfacher. Damals habe ich selbst verkauft und jeder Kunde hat mich direkt erlebt. Heute funktioniert das über unsere Mitarbeiter. Deshalb investieren wir sehr viel Zeit in Ausbildung und Schulung. Mir ist wichtig, dass unsere Mitarbeiter dieselben Werte leben wie ich. Positive Bewertungen freuen mich enorm, weil sie zeigen, dass unser Weg funktioniert. Negative Bewertungen treffen mich persönlich. Natürlich gibt es heute auch Bewertungen, die nicht immer nachvollziehbar sind. Trotzdem versuche ich, aus jeder Kritik etwas mitzunehmen. Wenn wir tatsächlich einen Fehler gemacht haben, dann gehört das sofort ins Schulungsprogramm. Fehler passieren. Entscheidend ist, dass sie nicht zweimal passieren.

Der Automobilmarkt verändert sich derzeit rasant. Was beschäftigt dich aktuell am meisten?
Am meisten beschäftigt mich die Entwicklung der chinesischen Hersteller. Sie bieten mittlerweile gute Produkte an, das muss man anerkennen. Gleichzeitig mache ich mir Sorgen um Europa.
Wir verlieren immer mehr industrielle Stärke. Wenn wir langfristig immer mehr Fahrzeuge aus China kaufen, verlieren wir auch Arbeitsplätze in Europa. Irgendwo müssen wir das Geld, das wir später ausgeben wollen, zuerst einmal verdienen. Deshalb wünsche ich mir, dass wir europäischen Produkten wieder mehr Vertrauen schenken.
Ich bin überzeugt, dass Europa – und besonders die deutsche Ingenieurskunst – noch immer enormes Potenzial hat. Aber wir müssen uns neu erfinden.
Sind die europäischen Hersteller auch ein Stück weit selbst schuld?
Teilweise schon. Manche Entwicklungen wurden verschlafen. Andere Hersteller haben wiederum sehr stark auf Elektromobilität gesetzt und dabei vielleicht unterschätzt, dass viele Kunden nach wie vor klassische Verbrenner fahren möchten.
Dazu kommt ein weiteres Thema: Qualität. Ich habe manchmal den Eindruck, dass manche Konzerne nur noch auf Gewinnmaximierung ausgerichtet sind. Zulieferer werden permanent unter Preisdruck gesetzt. Irgendwann leidet darunter zwangsläufig die Qualität. Als Händler erleben wir das täglich. Es gibt Fahrzeuge, bei denen man sich fragt, wie gewisse Bauteile nach so kurzer Zeit kaputtgehen können. Das hat es früher deutlich seltener gegeben.
Ein weiterer Unterschied ist der Umgang mit den Kunden. Manche Hersteller zeigen sich bei Problemen sehr kulant, andere verstecken sich nach Ablauf der Garantie hinter Paragraphen. Genau dort setzen neue Hersteller an – und das ist gefährlich.
Spürst du, dass das Auto – vor allem für junge Menschen – an Bedeutung verliert?
Teilweise schon. Vor allem in den Städten verändert sich das Mobilitätsverhalten. Wer in Wien lebt, braucht vielleicht gar kein eigenes Auto mehr. Dort funktionieren Carsharing, Abomodelle oder öffentliche Verkehrsmittel sehr gut.
Am Land sieht das völlig anders aus. Dort bleibt das Auto unverzichtbar. Was sich aber generell verändert hat, ist der emotionale Stellenwert.
In meiner Generation war klar: Kaum war man 18, wollte man den Führerschein und möglichst schnell das erste Auto. Ich bin am 28. August geboren und zwei Tage später hatte ich den Führerschein in der Tasche.
Wie sieht deiner Meinung nach die Antriebstechnologie in zehn Jahren aus?
Das Elektroauto ist gekommen, um zu bleiben.
Der Anteil wird weiter steigen, davon bin ich überzeugt. Beim Hybrid bin ich etwas skeptischer. Ich glaube, dass diese Technologie vor allem eine Übergangslösung ist. Viele Kunden greifen derzeit zum Hybrid, weil sie für ein reines Elektroauto noch nicht bereit sind. Verbrenner werden wir auch in zehn Jahren noch verkaufen. Aber ihr Anteil wird kleiner werden.
Wie schnell diese Entwicklung tatsächlich verläuft, hängt allerdings stark von der Politik und den jeweiligen Rahmenbedingungen ab.
Ihr habt ständig hunderte Fahrzeuge im Angebot. Nach welchen Kriterien entscheidet ihr, welche Modelle ins Sortiment kommen?
Natürlich spielen Erfahrung und Marktkenntnis eine große Rolle. Aber ehrlich gesagt verlassen wir uns auch auf unser Bauchgefühl.Wir analysieren zwar Entwicklungen, trotzdem testen wir viele Fahrzeuge einfach im Markt. Wenn wir merken, dass ein Modell gut angenommen wird, kaufen wir nach. Nicht drei Stück, sondern vielleicht gleich dreißig.
Genauso passiert es aber auch, dass man Lehrgeld bezahlt.
Es gibt Fahrzeuge, bei denen man überzeugt ist, dass sie hervorragend funktionieren müssten – und dann bleiben sie trotzdem stehen. Man kann den Markt nie hundertprozentig vorhersagen.
Ihr wart bei gebrauchten Elektroautos relativ früh dabei.
Ja, viele Händler wollten Elektroautos damals gar nicht ankaufen.
Wir haben uns bewusst langsam herangetastet und Erfahrungen gesammelt. Das hat sich rückblickend bezahlt gemacht.Schade finde ich allerdings, dass sportliche Fahrzeuge in Österreich mittlerweile massiv steuerlich belastet werden. Gerade leistungsstarke Autos werden durch die NoVA und andere Abgaben beinahe unerschwinglich. Ich glaube sogar, dass sich der Staat damit langfristig keinen Gefallen getan hat.Viele Käufer verzichten inzwischen ganz auf solche Fahrzeuge. Am Ende werden dadurch möglicherweise sogar weniger Steuern eingenommen. Wenn jemand mit einem Sportwagen im Jahr 3.000 Kilometer fährt, erschließt sich mir der Zusammenhang zwischen tatsächlichem CO2-Ausstoß und der Höhe der Besteuerung nur bedingt. Für mich fühlt sich das oft eher wie eine Vermögenssteuer an.
Gibt es Fahrzeuge, die ihr grundsätzlich nicht ankauft?
Ja. Autos mit schweren Vorschäden kommen für uns grundsätzlich nicht infrage. Außerdem beobachten wir sehr genau, welche Modelle sich im Alltag bewähren. Wenn wir über längere Zeit feststellen, dass bestimmte Fahrzeuge immer wieder dieselben Probleme verursachen, dann nehmen wir sie konsequent aus unserem Einkaufsprogramm. Letztlich möchten wir unseren Kunden Autos anbieten, hinter denen wir auch selbst stehen können.
Welchen Rat würdest du einem jungen Unternehmer mit auf den Weg geben?
Wer wachsen möchte, braucht gute Mitarbeiter.
Und wer gute Mitarbeiter haben will, muss bereit sein, sehr viel Zeit in Menschen zu investieren.
Viele unterschätzen diesen Punkt.
Mit jedem zusätzlichen Mitarbeiter wächst nicht nur das Unternehmen, sondern auch die Verantwortung.
Wir beschäftigen heute rund 38 Mitarbeiter. Da gibt es praktisch jeden Tag irgendwo ein Thema, das gelöst werden muss.Ich verstehe deshalb durchaus Unternehmer, die bewusst klein bleiben. Nicht weil ihnen der Ehrgeiz fehlt, sondern weil sie sich diese Verantwortung nicht antun möchten.
Hat sich das Arbeiten mit Menschen in den letzten Jahren verändert?
Ja, eindeutig. Ich habe das Gefühl, dass sich die Mentalität vieler Menschen seit Corona verändert hat.Darüber habe ich mich sogar einmal mit einem guten Freund unterhalten, der Pfarrer ist. Er sieht das ganz ähnlich. Die Menschen wirken oft unsicherer, ungeduldiger und gleichzeitig anspruchsvoller.
Corona hat vieles verändert. Kurzarbeit, Förderungen und staatliche Unterstützung waren damals wichtig. Aber irgendwann muss man auch wieder in den normalen Alltag zurückfinden. Ich glaube, wir stehen gesellschaftlich vor der Herausforderung, wieder mehr Eigenverantwortung und Zuversicht zu entwickeln.
Wenn wir zehn Jahre nach vorne blicken: Wo soll die Herbert Seidl Autohaus GmbH dann stehen?
Wir arbeiten heute gar nicht mehr in Zehnjahresplänen. Die Welt verändert sich mittlerweile so schnell, dass wir eher in Quartalen denken. Politische Entwicklungen, Kriege oder wirtschaftliche Veränderungen beeinflussen unser Geschäft unmittelbar. Trotzdem ist unser Ziel klar: Wir wollen unser Unternehmen Schritt für Schritt weiterentwickeln und auf ein neues Niveau bringen. Wie groß das Unternehmen irgendwann einmal wird, kann heute niemand seriös sagen. Aber wir möchten gesund wachsen. Die vergangenen Jahre waren für unsere Branche alles andere als einfach. Viele Betriebe haben Volumen verloren. Ich bin trotzdem optimistisch. Ich glaube daran, dass sich der Markt wieder erholen wird – vielleicht 2027, vielleicht 2028.
Angenommen, Geld würde überhaupt keine Rolle spielen. Welches Auto würdest du dir privat kaufen?
Ich müsste keinen Koenigsegg oder einen Bugatti besitzen, aber ich war immer schon Aston-Martin-Fan. Vor Kurzem war ich bei einem Sportwagentreffen und dort stand ein Aston Martin DBS Superleggera. Ich bin rund um das Auto gegangen und habe mir gedacht: Wenn das notwendige Kleingeld einfach am Konto liegen würde – genau dieses Auto wäre es. Solche Fahrzeuge faszinieren mich einfach.
Trotzdem klingt es so, als wäre Zeit heute wertvoller als jedes Auto.
Ganz genau. Autos sind meine Leidenschaft. Aber mittlerweile merke ich immer stärker, dass Zeit der eigentliche Luxus geworden ist. Vor 13 Jahren habe ich mir ein Motorrad gekauft. Heute hat dieses Motorrad gerade einmal rund 5.000 Kilometer auf dem Tacho. Das sagt eigentlich alles. Mit zwei kleinen Kindern zu Hause verschieben sich die Prioritäten automatisch. Ich arbeite sehr gerne und fahre jeden Morgen gerne ins Unternehmen. Aber manchmal funktioniert man einfach nur noch. Ich hoffe, dass irgendwann wieder etwas mehr Zeit für die schönen Dinge bleibt. Die Hoffnung stirbt zuletzt.
Zum Abschluss: Was wünschst du dir persönlich für die kommenden Jahre?
Vor allem Gesundheit. Und ehrlich gesagt: etwas mehr Freizeit. Ich liebe meine Arbeit und gehe jeden Tag gerne ins Unternehmen. Aber mit 59 Jahren und zwei kleinen Kindern merkt man schon, wie wertvoll gemeinsame Zeit geworden ist. Ich wünsche mir einfach, Beruf und Familie noch bewusster miteinander verbinden zu können. Denn am Ende sind genau diese Momente die, die wirklich bleiben.